Ein Text aus der Zeitschrift:

Der historische Materialismus ist ein Realismus

Zur Konstitution revolutionärer Subjektivität und ihrer Organisierung im Diesseits

“Von einem gewissen Punkt an gibt es keine Rückkehr mehr.
Dieser Punkt ist zu erreichen.”

Die Möglichkeiten, die die vorliegende Gesellschaft in ihrer realen Dialektik fortwährend und immer indiskreter zu ihrer eigenen Negation arrangiert, dehnen sich aus. Der bisweilen mehr oder minder geführte unterirdirsche Bürgerkrieg treibt an die gesellschaftliche Oberfläche und wird mit zunehmend unbeirrterer Ausdauer und erbitterteren Mitteln geführt. Das Ineinsfallen seines Ausbruchs mit einer Lösung innerhalb den bestehenden Koordinaten kann uns die etablierte Ordnung der Dinge nicht länger glauben machen. Ihre Kanaillen der Pseudo-Kritik, die die Antriebe und Impulse der Revoltierenden zum Verteilungsproblem des Reichtums, Forderungen nach Lohnerhöhungen, dem Wunsch nach Anerkennung des “Werts der Arbeit” und militanten Nihilismus einer perspektivlosen Jugend verfälschen, können nicht über den organisierten Mangel hinwegtäuschen, daß unsere Epoche der Rückkehr des Proletariats von allen erfahren, aber nicht begriffen wird.

Die Organisation, die die materielle Ausstattung des alltäglichen Lebens zuweist, ist so eingerichtet, daß der Reichtum, der die Funktion haben sollte das Leben ausgiebiger gestalten zu können, sich in Wirklichkeit gegen die Menschen verkehrt und ihre Macht in seinem unabhängigen Dasein als eigenständiges Subjekt Kapital konzentriert. Mit dessen Produktion treiben die Proletarisierten, als größte Produktivkraft überhaupt, die Entwicklung kaum ermesslicher Produktivkräfte und zugleich beschränkte und sie beschränkende Produktionsverhältnisse voran. Jedes Komfortelement, daß die Organisation des Lebens erleichtern und zu ihr reichlicher befähigen sollte, stürzt sie so in Gestalt einer befreienden Möglichkeit und einer zwanghaften Entfremdung in die Ohnmacht bewusstloser Anhängsel. Sie sind zu passiven Objekten äußerlicher Notwendigkeiten und des realen Scheins von Zwängen verdammt, die sich in einer ihnen gegenübertretenden, selbstständigen Macht vernünftiger Planung und bewusster Kontrolle entziehen und verdinglicht als sachliche Eigenschaften des Reichtums selbst erscheinen.

So wohnt der Herrschaft der Dinge, die jede menschliche Macht in ihrer autonomen Bewegung zur Ohnmacht auftürmt, notwendig falsch die Naturalisierung und Ahistorisierung der kapitalistischen Form von Vergesellschaftung bei, deren fortwährende Konstitution durch menschliche Praxis unbewusst bleibt. Die Entfremdung der Gattungskräfte und der individuellen Fähigkeiten der Lohnabhängigen ist das praktische Resultat ihrer eigenhändigen, doch unbewusst erzeugten Trennung vom gesamtgesellschaftlichen, selbst in entfremdeter Form vorliegenden Reichtum, der Verfügung über ihre Lebenszeit, des Gebrauch ihres Lebens und der Mittel es zu produzieren. Nun sind sie verdammt herumzuwandern, an eine weit von ihnen entfernte Arbeit angebunden, und jeden Tag verlieren sie den Geschmack, die Arten und sogar die Sprache, um ihre Fähigkeiten durch ein freies Agieren im Raum vorhandener Möglichkeiten zu nutzen. Materielle Basis, aus der diese Entfremdung erläutert und begriffen werden muss, ist ihr wirklicher Lebensprozess der ein Produktionsverhältnis von Klassen ist.

Die Feststellung der Verbannung der menschlichen Gattung in das Kapitalverhältnis und des Großteils der Menschen in den Zustand der Proletarität kann keine Verortung gegenwärtiger revolutionärer Subjektivität durch Etablierung einer positiven Größe vorrausschicken.(1) Sie ist Bestimmungsgrund der Frage seiner Gestaltungsbedingungen. Das Proletariat ist keine bereits existierende revolutionäre Entität, die als Träger kommunistischer Emanzipation nur noch zu sich selbst kommen müsste. Es ist eine “Klasse der bürgerlichen Gesellschaft, welche keine Klasse der bürgerlichen Gesellschaft ist”, der deklassierte kollektive Produzent einer gemeinsamen Situation von Existenzbedingungen, der seine Lebensbedingung nicht als Situation gemeinsamer freier und bewusster Handlungen konstruieren kann, ein globales gesellschaftliches Territorium, auf dem alle Menschen das gleiche universelle Leid und Unheil einer unmenschlichen Gesellschaft erfahren, der Mangel der bürgerlichen Gesellschaft, indem sich alle Mängel der bürgerlichen Gesellschaft als vertraute Anwesenheit ungesellschaftlicher Fremdheit kondensieren. Es ist das in diesem Gemeinwesen wirkende Negative, weil es Produkt der Negation seiner Begierden, Fähigkeiten, Möglichkeiten und den Mitteln diese zu befriedigen, entfalten, nutzen und selbstständig zu entwickeln ist. Es ist die die gesamte Welt mehr und mehr umspannende Unmenge der Arbeiter, die “jede Macht über die Bestimmung ihres Lebens verloren haben” und sich selbst als destruktive Partei des Proletariats verstehen, sobald sie anfangen dies zu wissen.

Die dem Kapital gegenüber proletarisierten Menschen, die als Subjekt der Produktion den sachlichen gesellschaftlichen Reichtum an Gebrauchswerten herstellen, haben bereits begonnen, das Vertrauen ihres entfremdetes Leben und die Ablehnung dieses entfremdeten Lebens als negatives Moment seiner widersprüchlichen Dynamik auszudrücken, ohne daß es ihnen verständlich wäre. Nie konnte man in den letzten Dekaden klarer erblicken, daß sie ihre Gegenüberstellung und Selbstständigkeit im Angesicht des sich ihnen gegenüberstellenden und verselbstständigenden toten Überflusses der abstrakten Konformität von Waren, d.i. von Werten einleiten. Der lohnversklavten Menschheit beginnt zu dämmern, daß ihre existenzielle Wirklichkeit eines bloßen Überlebens im Lohnwesen hinsichtlich der sich ständig ausweitenden objektiven Möglichkeiten des materiellen und kuturellen Lebensprozesses ein im Elend gefristetes Dasein ist.(2) Nie jedoch wurde diese einfache Tatsache auch so sehr geleugnet.

Von dieser Dämmerung muss als Stadium gelebter Zeit von Streiks, Besetzungen, Verweigerungen und Demobilisierungen ausgegangen werden, damit sie über sich selbst zu Bewusstsein gebracht werden kann. Noch ist nicht abzusehen, ob sie einen neuen Morgen, oder tiefste Nacht ankündigt. Nach der Katastrophe, die nicht auf den Begriff gebracht, sondern nur unter der „Chiffre Auschwitz“ behandelt werden kann, ist jedes Vertrauen auf die Dialektik eines sich in den Klassenkämpfen vermeintlich von selbst entwickelnden Klassenbewusstseins als bornierter verdinglichter Arbeiterismus historisch hinfällig geworden. Was als fabrikatorische Vernichtungsgsindustrie am europäischen Judentum praktiziert wurde, hat sich irreversibel in den Begriff der Klasse eingeschrieben. In der phantasmagorischen Projektion verselbständigter gesellschaftlicher Mächte auf das Ersatzobjekt der Juden verschob sich nicht allein die Konterrevolution gegen das revolutionäre Proletariat und dessen universelle Subversion. Sie diente, als personifizierte Inkarnation dieser Mächte, gleichzeitig schizophren dem völkisch-antikapitalistischen Kampf der Nationalsozialisten gegen die moderne bürgerliche Zivilisation. Die Abspaltung der in der Volksgemeinschaft aufgehenden Prolet-Arier vom globalen Proletariat und der Verkehrung des kapitalistischen Zwangs zur proletarischen Arbeit als verzerrtes bürgerliches Glücksversprechen markiert den Umschlag, der auf dem Terrain der bürgerlichen Gesellschaft stattfindenden Deklassierung des Proletariats zu der sich von diesem Terrain absetzenden physischen Vernichtung der Juden. „Arbeit macht frei!“ bezeugt als Motto der Vernichtung das Scheitern der gesamten Arbeiterbewegung angesichts der Shoa. In ihrem „kollektiven Narzissmus“, indem sie ihre eigene geschichtliche Wirkungslosigkeit und gesellschaftliche Bewusstlosigkeit mit der Integration in das höhere Wesen der Volksgemeinschaft kompensiert und die Imagination aller wirkender Praxis der Macht auf das Bild des Führers übertragen hatten, nahmen die Arbeiter den Angriff auf die Juden als Angriff auf sich selbst und den antisemitischen Antikapitalismus der Nazis als Konterrevolution nicht erst gegen die kommunistische Weltrevolution, sondern deren unhintergehbaren bürgerlichen Voraussetzungen nicht wahr. Damit ist auch eine jede Wissenschaft und Auffassung von Geschichte in Frage gestellt worden, die die „zivilisatorische Mission des Kapitals“ und die „historische Mission des Proletariats“ als eine bis zur positiven Aufhebung des Kapitalverhältnisses unabwendbar im Produktionsprozess verankerte Kontinuität begreift. So blamiert sich die falsche Dichotomie einer dem Kapital geschichtsteleologisch zugeschriebenen objektiv-immanenten Logik und der Arbeitertümelei eines sich in den alltäglichen Klassenkämpfen quasi automatisch herstellende Klassenbewusstseins an einer logisch, wie historisch verstörenden Konstellation, die ihren Gegenstand noch im größten Vermittlungsbemühung nicht mehr auf den Begriff zu bringen vermag. Der nicht ableitbaren Bruch der Shoa muss so von Marxisten und Linken jeder couleur ständig tabuisiert und verschwiegen, verdrängt, geleugnet oder gar relativiert werden, damit mit einer kritischen Theorie der Gesellschaft nach Auschwitz einfach weitergemacht werden kann, wie zuvor. Das die Möglichkeit des Kommunismus nach Auschwitz immer noch besteht, ist in der Perspektive, die diese Katastrophe eingedenkt, kein historischer Glücksfall, sondern die fortbestehende Barbarei. Damit stellt sich andererseits notwendig erneut und gänzlich anders die Frage nach ihrer Nutzung. Hinsichtlich des Ausmaßes der nazifaschistischen Barbarei im Massenmord an den europäischen Juden und der barbarischen Tradition der vergangenen Geschlechter, die die bürgerliche Gesellschaft in sich aufhebt und die somit jederzeit möglich bleibt, wird sie um so dringender. Die unmittelbare Zerrissenheit der proletarischen Bemühungen, sich als die wirkliche Bewegung des Kommunismus zu konstituieren und der Katastrophe, die dieses Vorhaben historisch durchgestrichen hat, lässt sich nicht ebenso unmittelbar voluntaristisch versöhnen. Es bleibt nur, in der Kritik der objektiven Möglichkeiten und des Elends der kapitalistischen Ökonomie ihre dialektischen Widersprüche auf die Chancen kommunistischen Aneignung und den Bedingungen ihrer Überwindung hin zu erforschen und zugleich die permanente Möglichkeit des Umschlages in die entfesselte Katastrophe als Korrektiv bis in ihre innersten Kategorien zu reflektieren.

Damit das Verdrängte nicht als neurotische Wiederkehr des Antisemitismus in seiner modernsten geopolitischen Darstellung der antizionistischen „Israel-Kritik“ wiederkehrt, sondern daß Unbewusste wieder bewusst gemacht werden kann, hat die Kritik der kapitalistischen Totalität die wirklichen Verkehrungen umzukehren. Im Zeitalter des integrierten Spektakulären, in dem die Produktionsverhältnisse die letzten Fasern der menschlichen Lebenswelt durchziehen und allen Gebieten ihr Diktat aufherrschen, kann sie sich nur durch den praktischen Materialismus der Lohnabhängigen einheitlich formieren, die die Umstände ihres gesellschaftlichen Daseins strategisch aus ihrem Alltagsleben heraus attackieren und die Besetzung ihrer Lebenswelt durch die Produktionsverhältnisse analytisch erklären.(3) Eine Kritik der Proletarität und deren begriffliche Werkzeuge sind den proletarischen Klassenkämpfen zur Beförderung theoretischer Praxis, d.h. als Selbstverständigung über die je eigenen Lebensverhältnisse zur Verfügung zu stellen. Der wirkliche Dialog unter den Lohnabhängigen kann nicht außerhalb der verbündeten und organisierten direkten Kommunikation dieser Praxis stattfinden. Dieses Projekt einer kritischen Theorie der Gesellschaft ist Bedingung revolutionärer Praxis(4) und damit das zentrale Moment einer direkt von dem sich kritisierenden Proletariat zu schaffenden Organisation.

Die Organisierung des unmittelbaren Dialoges des Proletariats hat darum von Anfang an in doppelter Frontstellung den Kampf gegen den Avantgardismus und Spontaneismus zu führen, die es als bisherige historische Konzepte kommunistischer Organisation nicht vermochten, den damit einhergehenden Anforderungen gerecht zu werden. Spiegelbildlich zueinander sich verhaltende Extreme, gehen beide von einem fixierten Bild des Proletariats aus, dessen beständig sich verändernde, prozesshafte Zusammensetzung und geschichtlich offene Variabilität ihnen entgeht. Als anti-autoritäre und kontemplative Variante hofft der Spontaneismus auf die Erhebung des äußerlich zu den bestehenden Mystifikationen und Fetischformen stehenden und per se revolutionären Interesses des Proletariats (darum dünkt er sich historisch getrennt von seiner Repräsentation in der wirklichen Bewegung). Der Avantgardismus hingegen tritt in Form berufsrevolutionärer intellektueller Kader der über die, nur zum gewerkschaftlichen Bewußtsein befähigten Arbeiter übergreifende und ihnen autoritär jakobinistisch kritisch-revolutionäres Bewußtsein implementierenden Partei des Willens auf (die in ihrer Repräsentation eines angeblich objektiven Interesses des Proletariats nichts repräsentiert, als die Arbeiterbürokratie der Sozialdemokratie). Die Organisierung des Unbehagens kann keine Repräsentation außerhalb ihrer selbst dulden und keine von ihr getrennte Darstellung aktzeptieren, sei es auf Seiten der gewerkschaftlichen Klassenkampfeinheger und sozialen Verwalter der Revolten, der politischen Parteien, oder individuellen Darbietungen von Charakteren avantgardistischer Führungscliquen.

Entgegen der Fixierung des Bildes einer bis zur Erstarrung in die systemische Struktur des Kapitalverhältnisses eingeflochteten Klasse nicht zur selbstständiger revolutionärer Wissenschaft tauglicher Proletarisierter(5) und der Forcierung des Bildes einer sich bereits selbst-bewussten Klasse, die sich lediglich noch zur revolutionären Praxis aufschwingen müsste(6), hat eine kommunistische Organisation revolutionäre Subjektivität weder einer quasi religiösen Organisation, noch einem mystifizierten proletarischen Interesse zuzuschlagen. Sie hat die objektiv-realen Möglichkeiten von bewusster und selbsttätiger proletarischer Ermächtigung als Konstitution revolutionärer Subjektivität und deren Bedingungen aufzuzeigen und zu befördern.

Sich an den bisherigen, schlechten Modellen historischer Ansätze abzustoßen bedeutet auch, mit dem Mythos von „der“ Organisation schlechthin, als einer zu findenden, ideellen Konzeption des identitären Generalschlüssel für die Revolution Schluss zu machen und stattdessen die notwendigen Aufgaben einer kommunistischen Organisation zu bestimmen und in Folge einer konkreten Sondierung der gegenwärtigen Umstände diese praktisch umzusetzen. Die Frage kommunistischer Organisation wird die „revolutionäre Ideologie“ bisheriger organisatorischer Modelle umstürzen müssen, damit die Schwierigkeiten des positiven Inhalts revolutionärer Subjektivität erscheinen und sich aufheben lassen und das Proletariat aus seiner bildlichen Versteinerung herausgesprengt wird. Das kann für uns heute nur bedeuten die zersplitterten und isolierten kommunistischen Segmente zu einer Partei des Wissens, d.h. der revolutionären kommunistischen Kritik zusammenzufassen und eine Theorie der Praxis zu entfalten, die sich die vorhandenen oder auch verschütteten Versuche einer kritischen Gesellschaftstheorie zu eigen macht, um eine moderne Kritik (eine Kritik, die der modernen Gesellschaft standhält und damit über sie hinausweist) zu entwickeln, mittels derer ein assoziierter Dialog geführt werden kann.

Die Aneignung und Aufhebung der bürgerlichen Wissenschaft in der posititiv-wissenschaftlichen kommunistische Kritik des Proletariat als der Anti-Klasse der bürgerlichen Gesellschaft und der theoretische Tätigkeit der Proletarisierten als praktische Materialisten selbst ist der revolutionärer Prozess der Wissenschaft des Proletariats, die derzeit in die bloß theoretische Antizipation einer ihr entsprechenden wirklichen gesellschaftlichen Macht desintegriert ist. Die gegenwärtig in voneinander getrennte Momente auseinandergefallene, parzellierte Kritik ist von ihrer einheitlichen Negativität als Praxis getrennt, weil die Proletarisierten von ihrer Theorie getrennt sind. Das Programm des Organisierungsprozesses der Rückführung des verkehrten Bewusstseins verdinglichter gesellschaftlicher Verhältnisse, den Schein ihres ewigwährenden naturgemäßen Eigenlebens auf die gesellschaftliche Praxis und die wirklichen Lebensverhältnisse von Menschen, wird die Theorie der höchst eigenen Praxis des Lebensprozesses der Proletarisierten und untrennbar damit die Praxis ihrer eigenen Theorie zu sein haben. Als Kohärenz in Theorie und Praxis wird es keine utopische Programmatik, oder unbestimmte, theorielose Negation, sondern die immanent-wissenschaftliche kommunistische Kritik auf Höhe der Zeit sein, die an den bestehenden Widersprüchen des bürgerlichen Gemeinwesens die objektiven Möglichkeiten seiner Aufhebung nachweist.

Die Umsetzung dieses organisatorischen Anspruchs bedeutet heute an der Kritik des Alltagslebens als einer kolonisierten Sphäre anzusetzen, die Umschlagsort der Ideologie und gleichzeitig auch der Sektor ist, mit dem alle Menschen unmittelbar konfrontiert sind und anhand dem das Unbehagen dieser Gesellschaft durch Gesten, Revolten und Klassenkämpfe, die zu dechiffrieren und begrifflich zu fassen sind, an die Oberfläche drängt.(7) Praktisch wiederum hat sich dieses Programm einer Kritik, die selbst als Praxis zu begreifen ist, im Alltagsleben zu organisieren und muss als bewusster Teil dieses Unbehagens strategisch handeln, das heißt revolutionäre Realpolitik betreiben. Das bedeutet einerseits jene Praxen des bewusst gewordenen Unbehagens zu assoziieren und andererseits die bestehenden Kräfteverhältnisse so in Stellung zu bringen, um den Kampf gegen alle Formen barbarischer Regression zu führen. Voraussetzung einer kommunistischen Organisation ist selbstverständlich die illusionslose Anerkennung der vollständigen Niederlage aller bisherigen Versuche einer revolutionären Umwälzung und die klare Konstatierung unserer Situation auf dem Trümmerfeld der Geschichte.

Gleichwohl kann die objektive Ohnmacht kein Grund für defätistische Passivität oder gar fortschrittsgläubigen Aktivismus sein. Denn einerseits besteht weiterhin die objektive Möglichkeit kommunistischer Abschaffung des Privateigentums an den Produktionsmitteln und Aneignung der entfremdeten vergesellschafteten Gattungskräfte und andererseits kann diese Möglichkeit nur verwirklicht werden, wenn deren Bedingungen und Anforderungen realistisch bestimmt werden. Das heißt, dass die Gesellschaft als Totalität mit samt ihren falschen Trennungen kritisiert werden und sich diese totale Kritik auch in der Organisation ausdrücken muss. Ebenso müssen zwar die organisierten Individuen sich ihrer notwendigen Involviertheit in die getrennten Sphären bewusst sein, aber doch gleichzeitig diese Trennungen in ihren organisatorischen Beziehungen negieren. Das bedeutet, dass die Organisation nur als die Aktivität (nämlich die rücksichtslose Kritik alles Bestehenden) aller der in ihr assoziierten und somit gleichberechtigten Individuen besteht, von denen sich keines repräsentieren lässt, was notwendige Folge ihrer Passivität wäre. Der rote Faden einer kommunistischen Organisation muss immer die kritische Theoriebildung sein, betrieben als kontinuierliches und kollektives Projekt. Damit ist eine eingreifende und experimentierende Praxis nicht ausgeschlossen, hat sich aber strategisch der theoretischen Kohärenz unterzuordnen, um keine leere Pseudoaktivität zu sein.

Es ist also sowohl einer bornierten theoretischen Haltung zu widersprechen, die jede Praxis ihrer Verstricktheit im Bestehenden bezichtigt (die zunächst immer unausweichlich ist, was wiederum den experimentellen Charakter von Praxis, aber mithin auch Theorieansätzen ausmacht), was in einem infiniten Regress endet, als auch einem blinden Aktivismus, der mit einem Primat von Praxistauglichkeit jedes Denken schon a priori beschneidet. Dagegen wäre der beiden Ansätzen zugrunde liegenden dichotomischen Auffassung des Verhältnisses von Theorie und Praxis deren dialektische Vermitteltheit entgegenzuhalten. Die Beschäftigung mit Theorie, wie deren Artikulation und diskursive Behauptung sind praktische Prozesse und können solche wiederum in Gang setzen oder beeinflussen. Praktische Aktivität ist, ausgenommen als mechanischer Reflex, immer eine theoretisch konzipierte und vom Bewusstsein gesteuerte, die erfahrungsmäßig auf Theoriebildung zurückwirken kann oder erst für diese eine Grundlage schafft. Die Dichotomie von Theorie und Praxis hat jedoch dahingehend ihren wahren Kern, dass die Aufhebung des Widerspruchs zwischen der bestehenden kapitalistischen und der noch zu konstituierenden kommunistischen Gesellschaft bislang nur theoretisch zu antizipieren, d.h. von Praxis mit wirklich gesellschaftlicher Macht abgeschnitten ist. Wenn aber die Massen sich dieser Theorie bewusst werden, wobei es sich um keine Aufnahme einer äußerlichen Ideologie, sondern um das Begreifen der höchst eigenen Lebensumstände handelt, dann schlägt sie in revolutionäre Praxis um, womit die letzte Stunde der vorrevolutionären kommunistischen Organisation geschlagen hat. Die Produzenten eignen sich die von ihnen getrennten Produktionsmittel und damit auch den produzierten Reichtum an und behaupten ihre Macht als revolutionär-antistaatliche Diktatur des Proletariats. Dieser Diktatur entspricht die Macht der Räte, deren einheitlicher Aspekt das revolutionäre Bewusstsein ist, das wiederum überhaupt erst die Austragung aller Differenzen ermöglicht. Das Programm dieser Macht ist der Krieg gegen die Konterrevolution, die Abschaffung aller Trennungen und die vollständige Aneignung des Lebens.

(1) Ansonsten verdrängt sie ihre eigene Ohnmacht und frönt ihrer hybrischen Kompensation durch Allmachtsfantasien.
(2) In einer Welt, in der die Linie 1 und 14 der Pariser Metro bereits vollautomatisiert ihre Bahnen durchziehen, ist die Kluft zwischen Traum und rationaler Wirklichkeit längst hinfällig geworden.
(3) Es muss sich also eine Kritik des alltäglichen Lebens aus dem Alltagsleben heraus formulieren, die zum Ziel die Entkolonisierung ihrer Wirklichkeit durch die sie beschränkenden Verkehrsformen hat.
(4)Subjekt revolutionärer Praxis ist das Proletariat allein in seinem, durch den assoziierten Dialog beförderten kollektiven Akt der Selbstverneinung, oder es ist nichts.
(5) Indem ihr Bewusstsein mit ihrem Dasein als variables Kapital unveränderlich identisch gesetzt und so selbst dem Kapitalfetisch in einem kontemplativen Materialismus aufgessesen wird.
(6) Wodurch jeglicher Zusammenhang ihres Daseins als variables Kapital mit ihrem Bewusstsein im Unmittelbarismus eines Gebrauchswertfetischismus der proletarischen Arbeit geleugnet wird.
(7) Die Kritik des Alltagslebens ist bspw. der Kritik der Produktionsverhältnisse keineswegs gegenüberzustellen, sondern beide sind Momente des kapitalistischen Gesamtreproduktionsprozesses, aber als solche keinesfalls gleich oder beliebig gewichtet. Selbstverständlich ist die Basis gesellschaftlicher Konstitution die jeweilige Produktionsweise, aus der die gesellschaftlichen Vermittlungsformen herrühren. Demnach folgt z.B. der kontemplative Charakter des kapitalistischen Alltagslebens aus der Kontemplation, in der sich die Proletarisierten als „Anhängsel der Maschinerie“ in ihren Produktionsverhältnissen befinden. Die Eigenart der Sphäre des Alltagslebens ist jedoch, dass sie gerade in wenig revolutionären Zeiten der Ort für die Artikulation des Widerstandes gegen die Entfremdung ist. Dieser Widerstand gegen die Entfremdung geht beständig in dieser Gesellschaft quasi „unterirdisch“ vor sich und kann sich in diffusen und auch reaktionären Formen äußern. Die sogenannte „Freizeit“, in der dieser „unterirdische Krieg“ ausgetragen wird, ist zum einen Schein, da keine wirklich freie Verfügung über diese Zeit möglich ist, sondern sie von äußeren, den Menschen fremden Bedingungen bestimmt ist, bietet zum anderen aber die Möglichkeit einer Aktivität, die die Aneignung der Bedingungen freier Verfügung befördert.

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