Replik auf die Kritik an der Zeitschrift der AG Gesellschaftskritik (1)

Prolog

„Die Kommunisten verschmähen es, ihre Ansichten und Absichten zu verheimlichen. Sie erklären es offen, daß ihre Zwecke nur erreicht werden können durch den gewaltsamen Umsturz aller bisherigen Gesellschaftsordnung.“ (MEW 4, S. 493)

Anfang Oktober dieses Jahres ist in Dresden eine, als hydrogeografisches Fakten – und Wissensmagazin getarnte „Zeitung mit antikapitalistischem Anspruch“ unter dem Titel „Steigende Fluten“ erschienen. Ihrem Untertitel nach beschränkt sich dieser bescheidene Anspruch nominal auf den, seit der Weltwirtschaftskrise tresentauglichen Allgemeinplatz der „Überwindung der kapitalistischen Gesellschaft“. Wie, von wem, hervorgehend aus welchen Bedingungen und was diese Überwindung konkret aufheben soll wird in der gesamten Zeitschrift verschwiegen. (2) Folgerichtig ist die Publikation auch einer im völligen Dunkel bleibenden „Bewegung“ verpflichtet, „die der alten Gesellschaft das Wasser über dem Kopf zusammenschlagen“ lassen soll. Inhaltlich reduziert sich der Anspruch der Redaktion konsequenterweise dann auch darauf, „die praktische Überwindung des Kapitalismus auch nur als Frage“ aufzuwerfen, d.h. „das Vorantreiben, die Verbreitung und Diskussion gesellschaftskritischer (was immer das dann heißen mag) Begriffe“ zu forcieren. Von der „wirkliche[n] Bewegung, welche den jetzigen Zustand aufhebt“ und deren „Bedingungen sich aus der jetzt bestehenden Voraussetzung“ (Marx) ergeben, vom Kommunismus also mag man indes zugunsten ideologischer Unbeflecktheit nichts wissen. Die Sache dieser Bewegung ist historisch zu diskreditiert, ihre notwendigen Begriffe sind von der Ideologie vereinnahmt und ihres revolutionären Gehalts entledigt worden, als das man sich daran machen möchte, auf das es heute einzig noch ankommen würde: an den den wirklichen Widersprüchen des Bestehenden die objektiven Möglichkeiten und Tendenzen seiner Aufhebung nachzuweisen und die davon untrennbaren Konstitutionsbedingungen des revolutionären Subjekts der Verwirklichung dieser Möglichkeiten aufzuzeigen, d.h. die notwendigen historischen Aufgaben für eine kommunistische Assoziation zu bestimmen und in Folge einer konkreten Sondierung der gegenwärtigen Umstände praktisch umzusetzen.

Den größten Raum in der Zeitschrift „Steigende Fluten“ nimmt eine Kritik der Zeitschrift der AG Gesellschaftskritik ein. Der Kritiker, der sich Markus Winterfeld nennt, hat sich offensichtlich aus der Werttheorie Moishe Postones und der von der Redaktion „Exit!“ formulierten Wertabspaltungskritik seine eigene Weltanschauung amalgamiert. Letztere Theorieströmung wurde zuerst Ende der 80er Jahre wirksam – damals noch einfach als Wertkritik gelabelt – und wollte sich den nach wie vor unabgegoltenen Anspruch einer historisch fundierten Kritik der Linken zu eigen machen. Statt sich aber auf die Analyse des Gegenstandes einzulassen und diesen zu durchdringen, setzte sich zunehmend ein Geklapper dürrer Kategorien durch, die mit soziologischen Inhalten gefüllt werden mussten, um Plausibilität vorzutäuschen. Dieser doktrinären Theorie gelingt es in der Kritik anderer Theorien kaum, soweit auf diese einzugehen, dass deren innere Widersprüche sichtbar gemacht und ihren Vertretern der Spiegel vorgehalten wird. Anstelle einer solchen kritisch-dialektischen Vorgehensweise wird mit Phrasen auf den jeweiligen Gegenstand eingedroschen, der im gegebenen Fall auch als Pappkamerad herhalten kann. Sprich: Es handelt sich dabei um ein Denken von der „Pose der souveränen Vermittlungslosigkeit“ aus. Der angemessene Organisationsmodus für diese autistische Theoriearbeit ist die Sekte.

Da eine fundierte Kritik der Wertkritik schon lange vorliegt (3) und jeder, der sie lesen will, auch lesen kann, stellt sich die Frage, ob es sich überhaupt noch lohnt jenen Gegenstand zum Ziel gesonderter Kritik zu machen. Dem Interesse der Wertkritik liegt ein ideologisches Bedürfnis zugrunde, denn wer sich mit der Kritik der politischen Ökonomie beschäftigt, wie sie von Karl Marx ausgearbeitet wurde, wird mit Leichtigkeit ihre wertkritischen Verzerrungen und Verkehrungen wahrnehmen können. Da die Wertkritik den untrennbaren Zusammenhang der Kritik der politischen Ökonomie mit einer materialistischen Auffassung der Geschichte zerreißt, bezieht sie sich nur entstellend auf sie. Die fetischistischen Bewußtseinsformen, die daraus folgen, fallen auf die Politische Ökonomie zurück, was jedoch als eine „kritische“ Überwindung von Marx ausgegeben wird. Um der Wahl zur dogmatischen Weltanschauung vorzubeugen, der eben eine mangelnde Kenntnis der marxschen Ökonomiekritik zugrunde liegt, soll im folgenden Text der Artikel unseres Kritikers kritisiert werden.

I. Kapitalistisches Privateigentum und Warenform

Unser Kritiker phantasiert sich in wertkritischer Manier einen Gegensatz der Kritik des Kapitals und der Kritik des Werts herbei. Während der Wert das „eigentliche“ Vergesellschaftungsprinzip sei, stelle das Kapital hingegen, als die Bewegung der Produktion und privaten Aneigung von Mehrwert, nur eine quantitative Bestimmtheit der warenproduzierenden Logik dar. Beim kapitalistischen Privateigentum handle es sich deshalb um ein bloßes juristisches Verteilungsprinzip der Produktionsmittel. Hier steht tatsächlich alles auf dem Kopf.

Alle Produktionsweisen und die ihnen entsprechenden Gesellschaftsformen stellen verschiedene Arten und Weisen der Organisation und Verteilung der Arbeit dar. Sie sind deshalb wesentlich bedingt durch das gesellschaftliche Verhältnis der Eigentümer der Mittel, Gegenstände und Bedingungen der Arbeit (4) zur arbeitenden Klasse, wie Marx es feststellt:

„Es ist jedes Mal das unmittelbare Verhältnis der Eigentümer der Produktionsbedingungen zu den unmittelbaren Produzenten – ein Verhältnis, dessen jedesmalige Form stets naturgemäß einer bestimmten Entwicklungsstufe der Art und Weise der Arbeit und daher ihrer gesellschaftlichen Produktivkraft entspricht –, worin wir das innerste Geheimnis, die verborgene Grundlage der ganzen gesellschaftlichen Konstruktion […] finden.“ (Marx, MEW 25, S. 799f.)

Da das grundlegende Verhältnis der Produktion ein Eigentumsverhältnis ist, liegen die Produktionsverhältnisse stets in gesellschaftlich spezifischen Eigentumsformen vor. Als Ensemble aller einzelnen Produktionsverhältnisse reguliert das Eigentum nicht nur die Verteilung der Produktionsmittel, sondern auch die Aneignung der Arbeitsprodukte und ist unaufhebbare Basis von Produktion. (5)

Die kapitalistische Produktionsweise und die bürgerliche Gesellschaft wird wesentlich bedingt durch das Eigentumsverhältnis zwischen der Klasse der privaten Eigentümern an den Produktionsmitteln und den Lohnarbeitern, die von Produktionsmitteln enteignet sind. Das kapitalistische Privateigentum stellt dieses Eigentumsverhältnis dar und ist das Ensemble der kapitalistischen Produktionsverhältnisse. (6) Es bestimmt die Organisation und Verteilung der Arbeit, die als Widerspruch zwischen gesellschaftlicher Arbeit und der privaten Aneignung der Arbeitsprodukte vor sich geht, von denen sich die Produzenten folglich unmittelbar getrennt vorfinden. Da keine gemeinschaftliche Verfügung über die Vergesellschaftungsbedingungen der Arbeit existiert, können die Produkte auch nicht direkt gesellschaftlich angeeignet werden. Zur Verallgemeinerung der Warenform bedarf es dieser bestimmten, privat-arbeitsteiligen Produktionsbedingungen. Marx betont das an mehreren Stellen:

„Nur Produkte selbständiger und voneinander unabhängiger Privatarbeiten treten einander als Waren gegenüber.“ (MEW 23, Seite 56)

„Gebrauchsgegenstände werden überhaupt nur Waren, weil sie Produkte voneinander unabhängig betriebner Privatarbeiten sind. Der Komplex dieser Privatarbeiten bildet die gesellschaftliche Gesamtarbeit.“ (MEW 23, Seite 87)

Die Betätigung der Privatarbeiten als Teile der gesellschaftlichen Gesamtarbeit und die Verteilung der Produkte kann darum nur über den Austausch der Waren von sich gehen. (7) Der Wert ist dabei nicht das „eigentliche“ Vergesellschaftungsprinzip, sondern die Vermittlungsform der getrennten Privatarbeiten. Die Privatarbeiten erweisen ihren gesellschaftlichen Charakter erst in der Form sachlicher Wertgegenständlichkeit, die sich im Wertverhältnis von Ware und Geld ausdrückt. (8) Die Produkte der Privatarbeiten nehmen die Wertform dadurch an, dass die auf dem Markt tauschenden Menschen von ihren konkreten, nützlichen Eigenschaften absehen und sie auf ihre allgemeine, unter allen gesellschaftlichen und historischen Umständen gemeinsame Eigenschaft reduzieren, vergegenständlichtes menschliches Arbeitsvermögen zu sein. Damit abstrahieren die Tauschenden zugleich real von den qualitativ mannigfaltigen Unterschieden der einzelnen Arbeiten und reduzieren diese auf ihre allgemeine Eigenschaft, menschliche Arbeit überhaupt zu sein. Das lässt sich mit Marx so zusammenfassen:

„Indes haben wir hier nicht weit zu suchen, worin die gesellschaftliche Form der in den Waren enthaltenen und voneinander unabhängigen Privatarbeiten besteht. Sie ergab sich bereits aus der Analyse der Ware. Ihre gesellschaftliche Form ist ihre Beziehung aufeinander als gleiche Arbeit, also, da die Gleichheit toto coelo verschiedner Arbeiten nur in einer Abstraktion von ihrer Ungleichheit bestehen kann, ihre Beziehung aufeinander als menschliche Arbeit überhaupt, Verausgabung menschlicher Arbeitskraft, was alle menschlichen Arbeiten, welches immer ihr Inhalt und ihre Operationsweise, in der Tat sind. In jeder gesellschaftlichen Arbeitsform sind die Arbeiten der verschiednen Individuen auch als menschliche aufeinander bezogen, aber hier [im Warentausch, Anm. d. A.] gilt diese Beziehung selbst als die spezifisch gesellschaftliche Form der Arbeiten.“ (MEGA II/5, S. 41)

Die Austauschverhältnisse der Waren sind demnach durchaus reale Verhältnisse, die aber ebenso realitätsverschleiernd sind, weil sich in ihnen Produktionsverhältnisse verbergen, die in der sachlichen erscheinenden Gestalt ihrer Gesellschaftlichkeit unsichtbar werden. Es scheint so, als nähme „das bestimmte gesellschaftliche Verhältnis der Menschen selbst […] die phantasmagorische Form eines Verhältnisses von Dingen“ (MEW 23, Seite 86) an.

II. Metaphysik des Werts als Resultat der kategorialen Vermengung von Versachlichung, Vergegenständlichung und Verdinglichung

Eben dieser fetischistischen Form geht unser Kritiker auf den Leim, wenn er von der „der metaphysischen Gestalt der Produkte“ bzw. deren „realmetaphysische[r] Gestalt“ schwafelt. Indem die private Arbeitsteilung als notwendige Bedingung wertförmiger Vergesellschaftung desavouiert wird, mutiert der Wert zur voraussetzungslosen, identitätsphilosophischen, eben metaphysischen Basis gesellschaftlicher Vermittlung. (9) Von diesem Standpunkt aus kritisiert unser Kritiker monistisch das kapitalistische Privateigentum: Warenförmigkeit „selbst“ konstituiere „bereits“ die Form der Produktionsmittel als Waren und bringe, qua ihrer okkult-mystischen Macht die Privatproduzenten und den Produktionsprozess hervor. In gegenständlicher Tätigkeit von Menschen praktisch hergestellte Sachen sollen „bereits“ vor dem Prozess ihrer Produktion und den Menschen „selbst“ existieren. Das ist keine adäquate Beschreibung der kapitalistischen Produktionsweise, sondern hochgradig fetischistisch, denn damit wird der wertförmig vermittelte Inhalt, die klassenförmig-privat organisierte Arbeit unsichtbar und übrig bleibt nur eine tautologisch sich selbst vermittelnde Form. Die Produktion soll bloßes Anhängsel der Zirkulationslogik sein und wird dementsprechend auch „naturalistisch“ als rein technischer Vorgang gefasst, in dem „die Wertigkeit der Produkte, der Ort und die Reihenfolge ihrer Herstellung sowie ihre Verteilung quasi automatisch“ gesetzt wären. Dualistisch wird dieser konkretistisch vorgestellten Produktion die furchtbar „abstrakte“ Gesellschaftlichkeit des Werts gegenübergestellt, die scheinbar unabhängig von Menschen und Sachen vor sich hinschwebe.

Es handelt sich um ein Symptom kategorialer Konfusion, wenn der Redaktion der Zeitschrift dann noch von diesem Kritiker vorgeworfen wird, sie würde nur auf der „unmittelbar-sachlichen Ebene das Wesen der kapitalistischen Gesellschaft„ zu fassen versuchen. Wer sich das Kapital als bloßen Verteilungsmodus des Werts imaginiert, das in keinem Begründungszusammenhang mehr mit der Entstehung der „Wertförmigkeit“ der Arbeitsprodukte steht, nämlich als sachlich vermittelter ökonomischer Ausbeutung, der kann auch keinen Begriff von der Vermittlung der gesellschaftlichen Arbeit und ihrer Produkte in der Form von Sachen haben. Aus dieser Begriffslosigkeit folgt, dass ausgerechnet jener Kritiker in hanebüchener Weise davon schreibt, dass „Arbeit im Wert verdinglicht“ werde, da sich „vergegenständlichte abstrakt-menschliche Arbeit“ über den Warentausch (10) vermitteln würde. Vergegenständlichung wird mit Verdinglichung identifiziert und damit letzterer aufgesessen. Erneut wird die Welt von ihren Füßen auf den Kopf gestellt.

In der kapitalistischen Produktionsweise verselbständigt sich, aufgrund privat-isolierter Produktionsbedingungen, die Vergesellschaftung der menschlichen Arbeit und wird wesentlich unbewusst vollzogen. Dadurch erhalten die Arbeit und ihre Produkte einen gegensätzlichen Doppelcharakter, dessen Erscheinungsweisen Marx in den 3 Eigentümlichkeiten der Wertform darlegt. (11) Die Gesellschaftlichkeit der entfremdeten, da nicht unmittelbar vergesellschafteten Privtarbeiten und ihrer Produkte kann nicht unmittelbar als solche erscheinen, sondern verkehrt sich wirklich in ihr Gegenteil einer gesellschaftlich-naturwüchsigen Macht von Sachen, die „sachliche Form der gleichen Wertgegenständlichkeit der Arbeitsprodukte“ (MEW 23, S. 86).

Da diese sachliche Organisation und Verteilung der Privatarbeiten durch die spezifisch kapitalistischen Klassenverhältnisse und Eigentumsformen bestimmt ist, erscheinen auch die Produktionsverhältnisse von Klassen objektiv als „sachliche Verhältnisse der Personen und gesellschaftliche Verhältnisse der Sachen“ (MEW 23, Seite 87).

In der Versachlichung der Produktionsbeziehungen werden weiterhin die Produzenten, als die wirklichen Subjekte der Produktion, zu passiven Anhängseln der toten Arbeit degradiert, indem sie in der Form der abstrakt menschlichen Arbeit ihre lebendigen Arbeit in wertförmigen Produkten vergegenständlichen. (12) Das ist eine objektive, wirkliche Verkehrung, in der sich auf der anderen Seite die gegenständlichen Objektivationen der Produzenten zum „automatischen Subjekt Kapital“ versubjektivieren und die tote Arbeit das Kommando über die (unbezahlte) lebendige Arbeit übernimmt. (13) Diese „der kapitalistischen Produktion eigentümliche und sie charakterisierende Verkehrung, ja Verrückung des Verhältnisses von toter und lebendiger Arbeit, von Wert und wertschöpferischer Kraft“ (MEW 23, S. 329) nennt Marx daher auch eine „Personifizierung der Sachen und Versachlichung der Produktionsverhältnisse“ (MEW 25, S. 838).

Mit der Zurückführung der sachlich vermittelten, wertförmigen Erscheinung der kapitalistischen Produktionsverhältnisse auf ihren Inhalt, die klassenförmig-private Trennung der Produzenten von den Produktions – und Lebensmitteln „verschwindet auch der Schein, den auf der Oberfläche das Verhältnis besaß, daß sich gleichberechtigte Warenbesitzer in der Zirkulation, auf dem Weltmarkt gegenübertreten, die wie alle andren Warenbesitzer nur durch den stofflichen Inhalt ihrer Waren, den besondren Gebrauchswert der Waren […] sich voneinander unterscheiden. Oder die ursprüngliche Form dieses Verhältnisses bleibt nur noch als Schein des ihm zugrunde liegenden, des kapitalistischen Verhältnisses übrig.“ (Marx, Resultate des unmittelbaren Produktionsprozesses, S.148)

Es ist ein zirkulationsmarxistischer Fauxpax, wenn unser Kritiker aus der Verkehrung der produzierenden Subjekte zu Objekten der Produktion schlussfolgert, diese würden nicht mehr den gesellschaftlichen Reichtum an Gebrauchswerten herstellen, sondern seien lediglich noch wertproduktiv. (14) Diese fetischistische Anschauung der real verkehrt erscheinenden, sachlichen Vermittlungsform der Arbeit und ihrer Resultate ist aber nicht sein persönliches Hirngespinst, sondern rührt aus der gleichfalls objektiven Verdinglichung dieser Form her:

„Dass ein gesellschaftliches Produktionsverhältnis sich als ein außer den Individuen vorhandener Gegenstand und die bestimmten Beziehungen, die sie im Produktionsprozess ihres gesellschaftlichen Lebens eingehen, sich als spezifische Eigenschaft eines Dings darstellen, diese Verkehrung und nicht eingebildete, sondern prosaisch reelle Mystifikation charakterisiert alle gesellschaftlichen Formen der tauschwertsetzenden Arbeit. Im Geld erscheint sie nur frappanter als in der Ware.“ (MEW 13, S. 34f)

Die sachliche Gestalt des Wertes drückt sich im Versachlichungsprozess letzthinnig im Wertverhältnis von Ware und Geld aus, wodurch letzteres die Eigenschaft erhält, Wert zu repräsentieren. Bei dieser Eigenschaft handelt es sich um eine reflexive Geltungsbestimmung, d.h. eine Bestimmung, die diesem Ding nur in diesem gesellschaftlichen Verhältnis der Sachen zukommt, insofern sein Gebrauchswert als Wert aller anderen Waren gilt.

Da die Eigenschaften von Dingen gewöhnlich aus ihrer Naturalform entspringen, klebt diesem Geltungs – und Repräsentationsverhältnis notwendig der objektive Schein an, dass die Eigenschaft des Geldes Wert zu verkörpern aus seiner Naturalform herrühre. Daraus folgt ein scheinbares Zusammenwachsen einer spezifisch gesellschaftlichen Form mit der stofflichen Naturalform eines Ding, das nur als Repräsentant jener Form gilt. Gesellschaftliche Bestimmungen erscheinen verdinglicht als „gesellschaftliche Natureigenschaften“. Diese scheinhafte Verschmelzung der spezifisch kapitalistischen Formbestimmungen (Produktionsmittel als Kapital, Erde als Grundrente, Arbeit als Lohnarbeit) mit den stofflichen Naturalformen des Arbeitsprozesses überhaupt (Produktionsmittel, Erde, Arbeit), in deren Resultat die Formbestimmungen selbst verschwunden sind, macht den ökonomischen Fetischismus aus. Im Gegensatz zur Versachlichung existiert die Verdinglichung, ist aber nicht wirklich, weil sie als falscher Schein notwendig mit der sachlichen Erscheinungsform der wesentlichen kapitalistischen Klassen – und Eigentumsverhältnisse einhergeht und den kapitalistischen Reichtumsformen anhaftet, diese Reichtumsformen jedoch nicht wirklich mit ihren Stoffen verschmelzen.

Vorläufig lässt sich mit Marx resümieren:

„Es versteht sieh also von vorn herein, dass der Arbeiter, der von Produktionsmitteln entblösst ist, von Lebensmitteln entblösst ist, wie umgekehrt ein Mensch, der von Lebensmitteln entblösst ist, kein Produktionsmittel schaffen kann. Was also selbst im ersten Prozess, bevor sich Geld oder Ware wirklich in Kapital verwandelt haben, ihnen von vorn herein den Charakter von Kapital aufdrückt, ist weder ihre Natur als Geld, noch ihre Natur als Ware noch der stoffliche Gebrauchswert dieser Waren als Lebensmittel und Produktionsmittel zu dienen, sondern der Umstand, dass dies Geld und diese Ware, diese Produktionsmittel und Lebensmittel als selbständige Mächte, personifiziert in ihren Besitzern, dem von allem gegenständlichen Reichtum entblössten Arbeitsvermögen gegenübertreten, dass also die zur Verwirklichung der Arbeit notwendigen sachlichen Bedingungen dem Arbeiter selbst entfremdet sind, vielmehr als mit eigenem Willen und eigener Seele begabte Fetische erscheinen, dass Waren als Käufer von Personen figurieren.“ (Marx, Resultate des unmittelbaren Produktionsprozesses, S.30)

III. Kritik der proletarischen Lohnarbeit statt Pseudo-Arbeitskritik einer „Ontologie der wertschaffenden Arbeit“ (15)

Der Unfug, dass Arbeit schlechthin bloß „verdinglichte abstrakt menschliche Arbeit“ sein könne, weil Vergegenständlichung per se Verdinglichung wäre, hält auch noch zur Begründung für die idealistische Behauptung her, Arbeit sei kein seinsmäßiger Stoffwechselprozess zwischen menschlicher Gesellschaft und Natur. Sie wäre ein genuin kapitalistisches „Formprinzip“ und könne daher abgeschafft werden. Messianisch-utopisch wird die „Abschaffung der Arbeit“ als Abschaffung von Vergegenständlichung schlechthin eingeklagt. Der Unterschied zwischen Arbeit als historischer Substanz, als absoluter Formtätigkeit der Konstitution jeder Gesellschaft und der menschlichen Gattung überhaupt, und ihrer jeweils gesellschaftlich bestimmten, historisch akzidentiellen Erscheinungsform wird getilgt. Das wertkritischen Geplapper über eine „Kritik des Formprinzips Arbeit“ ist eine tautologische Phraseologie, weil der natürlich-stoffliche Inhalt der kapitalistischen Arbeitsform unserem Kritiker mit objektiver Notwendigkeit falsch, nämlich immer schon mit dieser gesellschaftlichen Form verdinglicht erscheint. Statt einer Kritik der spezifisch kapitalistischen Form von Arbeit wird der Kritik der politischen Ökonomie eine ahistorische Pseudo-“Kritik der Arbeit“ schlechthin untergejubelt.

Marx dagegen unterstreicht mehrmals, dass er solch eine verkürzte Kritik der Arbeit nicht übt:

„Der Arbeitsprozess […] ist zweckmäßige Tätigkeit zur Herstellung von Gebrauchswerten, Aneignung des Natürlichen für menschliche Bedürfnisse, allgemeine Bedingung des Stoffwechsels zwischen Mensch und Natur, ewige Naturbedingung des menschlichen Lebens und daher unabhängig von jeder Form dieses Lebens, vielmehr allen seinen Gesellschaftsformen gleich gemeinsam.“ (MEW 23, S. 198)

„Als Bildnerin von Gebrauchswerten, als nützliche Arbeit, ist die Arbeit daher eine von allen Gesellschaftsformen unabhängige Existenzbedingung des Menschen, ewige Naturnotwendigkeit, um den Stoffwechsel zwischen Mensch und Natur, also das menschliche Leben zu vermitteln.“ (MEW 23, S. 57)

Für eine materialistische Kritik der verschiedenen gesellschaftlichen und geschichtlichen Erscheinungsformen der Arbeit und des Produktionsprozesses ist es notwendig (doch nicht hinreichend), zwischen den „allgemeinen Momente[n] des Arbeitsprozesses, von jedem historischen und spezifisch gesellschaftlichen Charakter des Produktionsprozesses unabhängige und für alle möglichen gesellschaftlichen Entwicklungsformen desselben gleich wahr bleibende Bestimmungen, in der Tat unveränderliche Naturbedingungen der menschlichen Arbeit, sobald sie sich aus dem rein tierischen Charakter herausgearbeitet hat“ (Marx, Resultate des unmittelbaren Produktionsprozesses, S.48) und diesen Formen selbst zu unterscheiden, die verschiedenen Gesellschaftsordnungen und ökonomischen Produktionsweisen entsprechenden. Es versteht sich dabei von selbst, dass Arbeit schlechthin und der Produktionsprozess überhaupt nie unabhängig von ihren historischen Formen existieren, sondern als wesentlichste Bestimmungen dieser Formen nur in ihnen erscheinen können. Die geschichtlich besonderen und gesellschaftlich spezifischen Formen der Arbeit und der Produktion lassen sich nur in Reflexion auf den darin erscheinenden historisch allgemeinen und gesellschaftlich wesentlichen Inhalt bestimmen. Dieser Inhalt ist zunächst „ein Prozeß zwischen Mensch und Natur, ein Prozeß, worin der Mensch seinen Stoffwechsel mit der Natur durch seine eigene Tat vermittelt, regelt und kontrolliert.“ Der Mensch tritt “dem Naturstoff selbst als eine Naturmacht gegenüber. Die seiner Leiblichkeit angehörigen Naturkräfte, Arme und Beine, Kopf und Hand, setzt er in Bewegung, um sich den Naturstoff in einer für sein eigenes Leben brauchbaren Form anzueignen. Indem er durch diese Bewegung auf die Natur außer ihm wirkt und sie verändert, verändert er zugleich seine eigene Natur“ (MEW 23, S. 129).

Eine Kritik der kapitalistischen Form der Arbeit ist nur durch die analytische Differenzierung von dem „Arbeitsprozess in seinen einfachen und abstrakten Momenten“ und der „Unterordnung der Arbeit unter das Kapital“, dem Arbeitsprozess als Verwertungsprozess „wie er als Konsumtionsprozess der Arbeitskraft durch den Kapitalisten vorgeht“ (MEW 23, S. 198) zu leisten.

Unser Kritiker teilt dagegen die „Unfähigkeit [der bürgerlichen politischen Ökonomen, Anm. d. A.], den Arbeitsprozess selbständig und doch zugleich als eine Seite des kapitalistischen Produktionsprozesses zu begreifen“ (dersl., ebd. S.27). Die theoretische Höhe der Kritik der politischen Ökonomie besteht gerade darin, zwischen den gesellschaftlich spezifischen Formen von Arbeit schlechthin und des Produktionsprozesses überhaupt, die einer bestimmten geschichtlichen Entwicklungsstufe der Produktivkraft der Arbeit entsprechen, und ihren allgemeinen natürlich-stofflichen Bestimmungen zu differenzieren, ohne diese wesentlichen Bestimmungen und ihre akzidentiellen Formen jemals nicht in ihrem wirklichen dialektisch vermittelten Dasein zu denken:

„Auf der einen Seite nennen wir die Elemente des Arbeitsprozesses verquickt mit den spezifischen gesellschaftlichen Charakteren, die sie auf einer bestimmten historischen Entwicklungsstufe besitzen, und auf der anderen Seite fügen wir ein Element hinzu, das dem Arbeitsprozess, unabhängig von allen bestimmten gesellschaftlichen Formen, als einem ewigen Prozesse zwischen Mensch und Natur überhaupt zukommt. Wir […] sehen, dass diese Illusion des Ökonomen, welche die Aneignung des Arbeitsprozesses durch das Kapital mit dem Arbeitsprozess selbst verwechselt und daher die gegenständlichen Elemente des Arbeitsprozesses schlechthin in Kapital verwandelt, weil sich das Kapital u.a. auch in die gegenständlichen Elemente des Arbeitsprozesses verwandelt, wie diese Illusion […] aus der Natur des kapitalistischen Produktionsprozesses selbst entspringt. Es ergibt sich aber sofort, dass dies eine sehr bequeme Methode ist, die Ewigkeit der kapitalistischen Produktionsweise oder das Kapital als ein unvergängliches Naturelement menschlicher Produktion überhaupt zu beweisen. Arbeit ist ewige Naturbedingung menschlicher Existenz. Der Arbeitsprozess ist nichts als die Arbeit selbst, im Augenblick ihrer schöpferischen Tätigkeit betrachtet. Die allgemeinen Momente des Arbeitsprozesses sind daher von jeder bestimmten gesellschaftlichen Entwicklung unabhängig. Arbeitsmittel und Arbeitsmaterial, wovon ein Teil schon Produkte früherer Arbeit, spielen ihre Rolle in jedem Arbeitsprozess zu allen Zeiten und unter allen Umständen.“ (Marx, Resultate des unmittelbaren Produktionsprozesses, S. 25f)

IV. Abstraktion von den materiellen Voraussetzungen des Kommunismus und Revolution als subjektivistische Donquichotterie

Mit dem Ausgehen von den verdinglichten Formen des Werts und der Ausblendung der historischen Spezifik des gesellschaftlichen Produktionsprozesses, der durch bestimmte Produktionsverhältnisse und einen bestimmten Stand der in ihm wirkenden Produktivkräfte gekennzeichnet ist, wird auch ein materialistischer Zugang zur Geschichte versperrt. Nicht mehr die Menschen machen die Geschichte, sondern diese wird auf die Durchsetzung falsch aufgefasster Fetischformen zusammengezurrt, an deren Ende womöglich eine finale Krise steht. Diese negative Geschichtsteleologie wiederum spiegelbildlich projizierend, wirft der Kritiker der Zeitschrift Fortschrittsgläubigkeit vor. Eine Apologie des Fortschritts würde voraussetzen, Geschichte als linearen Prozess zu verstehen, in dem progressive Momente unwiderruflich kontinuierlich bis hin zur vollständigen Emanzipation wirken.

Diese Geschichtsauffassung lässt sich in der Zeitschrift nicht finden, weshalb der Kritiker immer dann, wenn von den Möglichkeiten kommunistischer Vergesellschaftung die Rede ist, diese in absolute Notwendigkeiten umwandelt oder behauptet, wir würden diese Möglichkeiten bereits für die Wirklichkeit des Kommunismus ausgeben. Das beweist aber nur, dass unser Kritiker von diesen materiellen Voraussetzungen abstrahiert, was für eine Theorie der Revolution schwerwiegende Folgen hat. Nicht mehr in den real existierenden Bedingungen, also in der Sache selbst, die Gegenstand der Kritik der politischen Ökonomie ist, soll der potentiell sprengende Widerspruch gesucht werden. Im Kontinuum des Werts kann der Widerspruch zum Bestehenden nur utopisch als äußerlicher, abstrakter und subjektivistischer (subjektiv-objektloser) gefasst werden, der seine Notwendigkeit vielleicht mit dem Hinweis auf eine Metaphysik des Werts, aber nicht durch die Kritik der kapitalistischen Produktionsweise ausweisen kann. „Wenn wir nicht in der Gesellschaft, wie sie ist, die materiellen Produktionsbedingungen und ihnen entsprechende Verkehrsverhältnisse für eine klassenlose Gesellschaft verhüllt vorfänden, wären alle Sprengversuche Donquichoterie.“ (Marx, Grundrisse, S. 77)

Dabei ist es kein großes Geheimnis, dass eine moderne kommunistische Gesellschaft, in der das Reich der Freiheit in seinem unaufhebbaren Verhältnis zum Reich der Notwendigkeit das übergreifende Moment wird, bestimmte Voraussetzungen hat, die historisch hergestellt worden sind. Es ist immer der Stand der Produktivkraft der Arbeit, der den bestimmten Inhalt der Produktion, den gesellschaftlichen Reichtum, und die dafür notwendige Arbeitszeit bestimmt. Als bisherige geschichtliche Tendenz lässt sich ein Wachsen der Produktivkräfte verzeichnen (16), das in der kapitalistischen Gesellschaft und ihrer verallgemeinerten Konkurrenz geradezu explodiert. Infolgedessen wurde ein Masse an gesellschaftlichem Reichtum produziert und die gesellschaftliche notwendige Zeit für dessen Produktion derart verkürzt, dass mit dieser sprunghaften Entfaltung die Produktion und Verteilung des gesellschaftlichen Gesamtproduktes nach den Bedürfnissen der Gesellschaftsmitglieder als objektive reale Möglichkeit erst wahr wurde:

„In fact aber, wenn die bornierte bürgerliche Form abgestreift wird, was ist der Reichtum anders, als die im universellen Austausch erzeugte Universalität der Bedürfnisse, Fähigkeiten, Genüsse, Produktivkräfte etc. der Individuen? Die volle Entwicklung der menschlichen Herrschaft über die Naturkräfte, die der sog. Natur sowohl wie seiner eignen Natur? Das absolute Herausarbeiten seiner schöpferischen Anlagen, ohne andre Voraussetzung als die vorhergegangne historische Entwicklung, die diese Totalität der Entwicklung, d.h. der Entwicklung aller menschlichen Kräfte als solcher, nicht gemessen an einem vorhergegebnen Maßstab, zum Selbstzweck macht? Wo er sich nicht reproduziert in einer Bestimmtheit, sondern seine Totalität produziert? Nicht irgend etwas Gewordnes zu bleiben sucht, sondern in der absoluten Bewegung des Werdens ist?“ (Marx, Grundrisse, S. 387)

Der gesellschaftliche Reichtum ist „einerseits Sache, verwirklicht in Sachen, materiellen Produkten, denen der Mensch als Subjekt gegenübersteht; andrerseits als Wert ist er bloßes Kommando über fremde Arbeit […]. In allen Formen erscheint er in dinglicher Gestalt, sei es Sache, sei es Verhältnis vermittelst der Sache, die außer und zufällig neben dem Individuum liegt. […]“ (derslb., ebd.) Die immense Akkumulation des Reichtums verweist so auf die Akkumulation des Proletariats, als die objektiv-subjektive Möglichkeit kommunistischer Vergesellschaftung. Im dialektisch prozessierenden und darum praktisch offenen Verhältnis zwischen Kapital und Lohnarbeit stellt das Proletariat den negativen, da von Produktions – und Lebensmitteln negierten, im Arbeitsprozess als Anhängsel der Maschinerie, der Despotie der Fabrik und der toten Arbeit unterworfenen Pol dar. Im Widerspruch zur Masse des gesellschaftlichen Reichtums und ihren eigenen produktiven Trieben und Anlagen wird die Masse der menschlichen Gattung proletarisiert.

„Die Aufhebung der Selbstentfremdung macht denselben Weg wie die Selbstentfremdung.“ (Marx, Ökonomisch-philosophische Manuskripte, S.533) So macht die von ihrer eigenen Gattungsmäßigkeit total entfremdete, da von selbstzweckhafter und bedürfnissmäßiger Arbeit als gattungsmäßiger Betätigung ausgeschlossene proletarisierte Menschheit erst das „rastlose Streben nach der allgemeinen Form des Reichtums“ möglich. Durch dieses Streben „treibt aber das Kapital die Arbeit über die Grenzen ihrer Naturbedürftigkeit hinaus und schafft so die materiellen Elemente für die Entwicklung der reichen Individualität, die ebenso allseitig in ihrer Produktion als Konsumtion ist“ (Marx, Grundrisse, S. 231). Das „System des allgemeinen gesellschaftlichen Stoffwechsels, der universalen Beziehungen, allseitiger Bedürfnisse und universeller Vermögen“ , also einer „allseitigen Entwicklung der Individuen“ (Marx, Grundrisse, S.73ff) ist die Bedingung für die Aufhebung des kapitalistischen Privateigentums, „weil eben der vorgefundene Verkehr und die vorgefundenen Produktivkräfte allseitig sind und nur von allseitig sich entwickelnden Individuen angeeignet, d.h. zur freien Betätigung ihres Lebens gemacht werden können.“ (MEW 3, S. 424)

Die Notwendigkeit des Proletariats, die kommunistische Revolution zu machen ist gerade kein geschichtsteleologischer Determinismus, wie unser kritischer Kritiker meint, sondern umgekehrt die einzige Möglichkeit zur Verwirklichung einer wirklich gesellschaftlichen Menschheit und menschlichen Gesellschaft, zur allseitigen Entwicklung gattungsmäßiger Individualität durch die Aneignung des gesellschaftlichen Reichtums.

IV. Subsumtion der Shoa unter eine negative Geschichtsteleologie

Damit ist nicht etwa alle bisherige Geschichte ratifiziert, sondern es wird eine Entwicklung in der Geschichte konstatiert, die post-festum betrachtet (17), zu einem bestimmten Resultat geführt hat. Dieses Resultat, die Möglichkeit des Kommunismus, droht aber wiederum zurückgenommen zu werden, was ebenfalls eine geschichtliche Bewegung unter Beweis gestellt hat. Wenn etwas an dem Vorwurf der Apologie bemerkenswert ist, dann die in ihm enthaltene Subsumtion der Shoa unter die Geschichte der Durchsetzung der kapitalistischen Produktionsweise in den letzten 400 Jahren. So offenbart sich jede Geschichtsphilosophie – ob unter positiven oder negativen Zeichen – als die brutale Abstraktion von der wirklichen Geschichte der Menschen und der Besonderheit ihrer Konstellationen.

In der nationalsozialistischen Gesellschaft wurde eine bis auf weiteres taugliche Lösungsform der kapitalistischen Widersprüche gefunden, in die sich das deutsche Proletariat tätig eingegliedert hat. Der Mord an den Juden, der das instrumentelle Interesse der Produktion um der Produktion willen suspendiert, war das praktische Werk einer klassenübergreifenden Volksgemeinschaft. Dieser reale Bruch mit der Geschichte von Klassenkämpfen drückt sich auch aus als ein gebrochenes Verhältnis der kritischen Theorie der Gesellschaft zur Erkenntnis dessen, was da durchgebrochen ist. Gleichwohl muss sich dieser Bruch in der Theorie ausdrücken, in Begriffe gefasst werden, wenn er nicht der Rationalisierung bzw. Irrationalisierung freigegeben werden soll. Über diese Schwierigkeiten am Gegenstand hinwegzutäuschen und von dessen „Status“ in einem „Theoriegebäude“ zu faseln, zeigt nur, wie die Shoa als das Menschheitsverbrechen schlechthin unter die Fittiche verzerrender Begriffe gebracht und damit glatt gebügelt wird.

IIV. Epilog

Gesellschaft ist wesentlich Praxis. Das macht ihre Geschichtlichkeit und ihre Veränderbarkeit aus. Materialistische Kritik bescheidet sich nicht damit, die fetischistisch erscheinende Geschlossenheit der Gesellschaft festzustellen. Sie dechiffriert die sachliche Naturwüchsigkeit und den Fetisch gesellschaftlicher Natureigenschaften des Reichtums als soziale Beziehungen zwischen Menschen, also als Produktionsverhältnisse von Klassen. Erst dadurch lassen sich überhaupt die objektiven und subjektiven Bedingungen, Möglichkeiten und Tendenzen einer kommunistischen Aufhebung der kapitalistischen Vergesellschaftung erfassen.

Als Klasse des Bewusstseins ist das Proletariat historisches Subjekt der kommunistischen Revolution und keine gesetzte Größe, die im Bestehenden schlummert und auf seine Entfaltung wartet. Gegen eine positive Revolutionstheorie, die uns unser Kritiker als Pappkameraden vor allem Anderen unterzuschieben bemüht ist, die eine quasi-automatische Entfaltung revolutionären Bewusstseins in der Proletarisierung imaginiert, oder die Arbeiterklasse als per se rebellische jenseits der Gesellschaft verortet, ist wissenschaftlich-kommunistisch darauf zu insistieren, dass es keine positive Größe und kein authentisches Potential, keinen archimedischen proletarischen Standpunkt gibt, den es als Revolutionär einzunehmen gilt, sondern es um den Bruch mit der Totalität geht. Dieser negatorische Bruch wird bei unserem Kritiker wiederum eine schlechte Abstraktheit, eine verwerfende und voluntaristische Geste, weil er von den materiellen Bedingungen für eine kommunistische Revolution abstrahiert. Damit werden auch die Vorraussetzungen und Möglichkeiten revolutionärer Subjektivität ausgeblendet. Die Revolution kann so nur noch jenseitig, gleichfalls religiös messianisch in einem moralischen Antikapitalismus eingeklagt, aber nicht mehr realistisch aus der Diesseitigkeit ihrer existierenden Vorraussetzungen begriffen werden. Es kommt aber darauf an, aus einer Kritik der gegenwärtigen Gesellschaft die objektiven Möglichkeiten ihrer revolutionären Abschaffbarkeit zu konkretisieren und damit die Beschaffenheit ihrer revolutionären Aufhebung zu antizipieren.

AG Gesellschaftskritik, Oktober 2011

(1) http://steigendefluten.wordpress.com/heft-1/ag-gesellschaftskritik/
(2) Im Folgenden wird gezeigt werden, dass dies keinesfalls einem blinden Fleck des, völlig unvermittelt nebeneinander stehenden und daher inköhärenten Artikelsammelsuriums, sowie der formalen Instringenz insbesondere des Leitartikels dieser Zeitschrift geschuldet ist. Viel mehr folgen die abstrakten „gesellschaftskritischen“ Gemeinplätze notwendig aus dem, zur völligen inhaltlichen Inkonsistenz kristallisierten Theorieversatzstücken, mit dem sich der Kritiker „Markus Winterfeld“ kläglich bemüht, die „Zeitschrift“ zu kritisieren.
(3) Siehe z.B. die Ausgaben der „Übergänge – Zirkular zur Kritik von Ökonomie & Politik“, http://www.proletarische-plattform.org/archiv/%C3%BCberg%C3%A4nge/zirkular/ oder einige Texte von Robert Schlosser, http://www.rs002.de/Soziale_Emanzipation/Start.htm
(4) Produktionsmittel umfassen sowohl Arbeitsmittel und Arbeitsgegenstände, als auch die gegenständlichen, äußeren Bedingungen der Arbeit. Sie sind nicht bloß, wie Winterfeld vulgärmaterialistisch meint, „Maschinen, Gebäude, Infrastruktur“. „Maschinen“ und „Gebäude“ sind historische Erscheinungsformen von Arbeitsmitteln, „Infrastruktur“ ist eine historische Erscheinungsform gegenständlicher Arbeitsbedingungen. Eine Gesellschaft, die allein mit Arbeitsmitteln, ohne Arbeitsgegenstände und abgesehen von allen Produktionsbedingungen außer der Infrastruktur auch nur eine Woche versuchen würde, ihre materielle Produktion zu bestreiten, müsste untergehen.
(5) „Alle Produktion ist Aneignung der Natur von Seiten des Individuums innerhalb und vermittelst einer bestimmten Gesellschaftsform. In diesem Sinn ist es eine Binsenweisheit zu sagen, dass Eigentum (Aneignen) eine Bedingung der Produktion sei. […] Dass […] von keiner Produktion, also auch von keiner Gesellschaft die Rede sein kann, wo keine Form des Eigentums existiert, ist eine Binsenweisheit. Eine Aneignung, die sich nichts zu eigen macht, ist ein Widerspruch in sich.“ (Marx, Grundrisse der Kritik der politischen Ökonomie, S. 9)
(6) Das Privateigentum ist also nicht nur eine (juristische) Formbestimmung -, sondern auch eine Inhaltsbestimmung der Produktionsweise.
(7) Wir sehen also, dass erst die Trennung der Produzenten von den Produktionsmitteln (und folglich auch von ihren Arbeitsprodukten) und damit die Konstitution der kapitalistischen Klassenverhältnisse die Bedingung für die Universalisierung des Warentauschs als der generalisierten Verkehrsform im Kapitalismus schafft, nämlich durch die Generalisierung der Ware Arbeitskraft.
(8) Im Zusammenhang mit dem Vorwurf des Androzentrismus stellt unser Kritiker selbst fest, dass die privaten, weiblich normierten Reproduktionstätigkeiten offenbar nicht diese gesellschaftliche Form annehmen und folglich ihre Gesellschaftlichkeit nicht über den Tausch vermittelt ist. Diese deskpritive Feststellung wird uns als normative Abwertung der weiblich besetzten Lebenswelt unterstellt. Da er soziale Beziehungen schlechthin mit dem spezifischen gesellschaftlichen Kontakt identifiziert, den die Produzenten nur qua des Tausches ihre Produkte bewerkstelligen, wirft er uns eine „androzentristische“ Ausblendung der privaten Reproduktionstätigkeiten vor.
(9) Der Wert ist zwar eine rein gesellschaftliche Form, findet seine Existenzweise aber nur auf Basis von Gebrauchswerten als umgearbeiteter Natur. Mit dem Doppelcharakter der Ware ist ein Gegensatz von Stoff und Form gesetzt, entlang dessen Struktur auch sexistische Zuschreibungen verlaufen. Dabei dient die stoffliche Gebrauchswertseite als passives Material für den Wertausdruck und wird tendenziell von gesellschaftlich warenförmigen Bedürfnissen geprägt. Es kann also hier in einem gewissen Sinn von einer Beschlagnahmung und Beherrschung des Gebrauchswert durch die Form des Werts die Rede sein, aber nicht von dessen Abspaltung vom Wert (der von änhlicher Qualität wie der absolute Geist Hegels sein soll). Dieser Vorstellung liegt ein Dualismus von Natur und Gesellschaft zugrunde, der aus dem Unverständnis für die transhistorische Seinsmäßigkeit der Arbeit als Stoffwechselprozess zwischen der Gesellschaft und der Natur resultiert. Vgl. hierzu Abschnitt III
(10) Dass der Warentausch ahistorisch als „Notwendigkeit gesellschaftlicher Vermittlung überhaupt“ gefasst wird, ist der begrifflich-kategorialen Konfusion unseres Kritikers geschuldet. In unserer Zeitschrift jedenfalls steht so ein, den Warentausch historisch verewigender Quatsch nicht.
(11) „Gebrauchswert wird zur Erscheinungsform seines Gegenteils, des Werts“, 2. „konkrete Arbeit zur Erscheinungsform ihres Gegenteils, abstrakt menschlicher Arbeit“, 3. „Privatarbeit zur Form ihres Gegenteils […], zu Arbeit in unmittelbar gesellschaftlicher Form“ (MEW 23, Seite 70ff)
(12) Damit ist klar, dass es sich bei der Versachlichung um einen spezifisch kapitalistischen Prozess handelt, der durch privat-isoliert arbeitsteilige Vergegenständlichungen hervorgebracht und aufrechterhalten wird. Vergegenständlichungen und Versachlichung sind nicht immer schon identisch, sondern wechselwirken unter den gesellschaftlichen und historischen Bedingungen der Kapitalproduktion und – reproduktion. Würden sie stets zusammenfallen wäre jede Verausgabung von Arbeit, jede Vergegenständlichung von menschlichem Arbeitsvermögen per se kapitalistisch, was keiner wissenschaftlich-kommunistischen Analyse der historischen Spezifik kapitalistischer Produktion entspricht, sondern eine unwissenschaftliche und ideologische Abstraktion von der menschlichen Geschichte darstellt.
(13) „Das Kapital ist also nicht nur Kommando über Arbeit, wie A. Smith sagt. Es ist wesentlich Kommando über unbezahlte Arbeit. Aller Mehrwert, in welcher besonderen Gestalt von Profit, Zins, Rente usw. er sich später kristallisiere, ist seiner Substanz nach Verkörperung unbezahlter Arbeitszeit. Das Geheimnis von der Selbstverwertung des Kapitals löst sich auf in seine Verfügung über ein bestimmtes Quantum unbezahlter fremder Arbeit.“ (MEW 23, S. 556)
(14) Damit wird der Doppelcharakter der Arbeit und der Waren undialektisch zu einem Dualismus aufgespalten. Dass die Schöpfung des wirklichen Reichtums im historischen Entwicklungsprozess der kapitalistischen Produktion weniger von der Arbeitszeit, als von der Entwicklung der Produktivkraft der Arbeit abhängt, widerspricht der Tatsache nicht, dass diese Schöpfung wie diese Entwicklung abhängig von der arbeitenden Klasse bleiben und es die proletarisierten Menschen sind, die sie schaffen bzw. vorantreiben. Im Gegenteil, Vgl. Abschnitt IV
(15) Mit „Ontologie“ ist hier schlicht eine Invarientenlehre ahistorisch unveränderlicher „Wesenheiten“ gemeint, die mit einem echten ontologischen Ausgehen von den wesentlichsten Wirklichkeitskomplexen des Seins, die immer nur in unterschiedlichen historischen Formen erscheinen können, so wenig gemein hat, wie die linke Pseudo-“Kritik der Arbeit“. Letztere geht an der Sache vorbei, da es nicht um einen vermeintlichen „ontologischen Arbeitsbegriff“, sondern um die Kritik der spezifisch kapitalistischen Form proletarisch-entfremdeter Lohnarbeit geht, in welcher der seinsmäßige Stoffwechselprozess zwischen der Gesellschaft und der Natur in kapitalistischen Produktionsweisen erscheint. Für die seinsmäßige Faktizität der Arbeit ist es dagegen zunächst gleich, ob und was man für einen Begriff von ihr und ihren Erscheinungsformen hat.
(16) Eine Tendenz, die sich nicht ohne Diskontinuitäten vollzieht, und – versteht sich eigentlich von selbst – für die Wirklichkeit ihrer emanzipatorischen Anwendung rein gar nichts verbürgt.
(17) Marx kennzeichnet diese Methode zur Betrachtung der Geschichte mit dem bekannten Satz: „Die Anatomie des Menschen ist ein Schlüssel zur Anatomie des Affen.“ (MEW 42, Seite 39) Damit ist nicht gesagt, dass die Anatomie des Affen ein geschichtliches Telos zur Entwicklung der menschlichen Anatomie enthält!

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