Pseudoaktivismus als Dienst am Staat – Das Elend des linken Konformismus

Flugblatt zum Demonstrationsspektakel am 03.11.2010 in Dresden

Die Gesellschaft, in der wir leben, hat es fertig gebracht solch immense Reichtümer zu produzieren, dass einem jeden Menschen ein erquickliches Leben garantiert werden könnte. Aufgrund ihrer Konstitution, die wiederum im gnadenlosen Ausschluss der Menschen vom Reichtum besteht, hat diese Gesellschaft ihr eigenes Urteil über sich gesprochen: sie ist historisch überflüssig, ihre Überwindung das unabstreitbare Bedürfnis emanzipatorischer Vernunft. Niemand kann ernsthaft glauben, dass das Bündnis mit dem schauerlichen Namen „Zukunft und Zusammenhalt“, das zur heutigen Demonstration aufruft, oder eine der unterstützenden Organisationen diesem Anliegen verpflichtet ist. Alle Fraktionen einer verfaulenden und regredierenden Linken finden sich unter dem grauenhaften Demoslogan „Wir sind mehr wert!“ zusammen. Von den am staatlichen Unwesen partizipierenden Parteien, über die gewerkschaftlichen Klassenkampfeinheger, bis zu den studentischen Funktionären möchte sich niemand das Spektakel des Protests entgehen lassen. Dabei ist diese Ideologie schon halb durchschaut, denn die Mühe sich über den Sinn und die Wirkmächtigkeit dieser Aktion zu verständigen, macht sich keine der etablierten linken Organisationen. Ihr Stimmvieh und Fußvolk verlangt auch schon gar nicht danach – erst recht in Zeiten, wo das, was Kommunikation genannt wird, nur über Phrasen und Bilder funktioniert und jede Reflexion nicht nur gemieden, sondern wegen ihrer potentiellen Nonkonformität geschmäht wird.
Die Bewahrung sozialer Privilegien ist, abgesehen von ihrer moralischen Berechtigung, im gegenwärtigen Krisenzyklus eine Lebensnotwendigkeit. Die Arbeiter in Frankreich, die ihre nationale Ökonomie mit allen einkalkulierten Schäden blockieren, um sich nicht noch unerträgliche weitere Jahre zu Grunde schuften zu müssen, haben dies begriffen. Doch selbst zu diesem Bewusstsein der Notwendigkeit eines bornierten Klassenkampfes (zu einer autonome Organisation gegen die Gewerkschaften mit einer revolutionären Perspektive ist es in den Kämpfen in Frankreich nicht gekommen) bringt es das hiesige linke Bündnis nicht. Ein solcher Interessenkonflikt würde den Realismus einschließen sich im Gegensatz zur staatlichen Zwangsverwaltung und der herrschenden Klasse befindlich zu erkennen. Die besagte Parole „Wir sind mehr wert!“ ist viel mehr eine Empfehlung an die Herrschaft, die knechtselig um einen zugewiesenen Platz in der ausbeuterischen Verwertungsmaschinierie des Kapitals angebettelt wird. Die Flausen vom „Leben und Arbeiten in Sachsen“ oder dem „gesellschaftlichen Zusammenhalt des Landes“ drücken die Sorge um das Wohl der deutschen Volkswirtschaft aus, der man sich im Namen des sozialpartnerschaftlich verwalteten sozialen Friedens verpflichtet fühlt, in unbedingtem Gehorsam unterordnet und deren repressive Harmonie man im Sinne direkter Demokratie aktiv mitgestalten möchte. Die verordnete Ohnmacht gegenüber den gesellschaftlichen Entscheidungsprozessen soll kein Stück aufgebrochen werden, sondern wird internalisiert und drückt sich gerade in solchen Pseudoaktivitäten wie der heutigen Demonstration aus, von deren Belanglosigkeit jeder weiß. Auf der Website des maßgeblichen Demobündnisses finden sich zum Terminhinweis für die heutige Demonstration kein einziges erklärendes Wort, nur die an Lächerlichkeit kaum zu überbietende schummelige Erinnerung an den letzten Protestmarsch, der ein „beeindruckendes Bild“ geliefert habe, und der Hinweis bei dem diesmaligen Spektakel „Taschenlampen, Knicklichter und ähnliches“ mitzubringen, um „ein tolles Bild (zu) erzeugen“.
Diese Bestandsaufnahme versteht sich eigentlich von selbst, denn von den linken Referenten des Systems, den etablierten, institutionalisierten Organisationen der Linken, deren Sache schon immer die staatshörige Verwaltung des Status quo war, hat man nichts anderes zu erwarten. Im hohlen Aktivismus, dessen Elend an Offensichtlichkeit nicht zu verhehlen ist, hat ein radikal-emanzipatorisches, also kommunistisches Begehren nichts zu suchen. Um so erbärmlicher, dass sich diejenigen, die noch mit einem solchen Begehren liebäugeln, am staatstauglichen Konformismus beteiligen. Das famose „Libertäres Netzwerk Dresden“ ruft dazu auf einen „antikapitalistischen Block“ zu bilden und wie ihre sozialdemokratischen Mitdemonstranten halten sie es für unnötig ihren Aktivismus zu begründen. Die sieben Sätze, aus denen ihr „Aufruf“ besteht, scheinen für ihre Anhängerschaft ausreichend zu sein: Selbstbeschwörung als „libertäre Bewegung“, Proklamation eines für sich beanspruchten „kritischen Blick(es) auf Ökonomie, Staat und Identitätskonstrukte“ (was auch immer das sein soll) und Verkündung des Anspruchs „gemeinsam die Gründe für Unzufriedenheit anzugehen“ (was auch immer das heißt). Die Abstraktheit von Wörtern, die einmal Begriffe werden sollten, mit denen hier hantiert wird, werden kein Stück zur Erkenntnis konkretisiert, sondern dienen als Spielmarken, die auf dem Tummelplatz spektakulärer Politik ausgegeben werden, um am Bewegungsrummel zu partizipieren. Die Unverfrorenheit noch mit dem Anspruch zu kokettieren „die Gründe für Unzufriedenheit anzugehen“, womit gemeint sein könnte sich einmal tatsächlich um die Erkenntnis und die revolutionäre Umwälzung der gesellschaftlichen Verfasstheit zu bemühen, ist nichts als Lüge, wo sich doch die Libertären und vermutlich auch ihr linksradikaler Anhang vom linksdeutschen Mob nur in ihren Phrasen unterscheiden.

Die Befreiung vom Zwang der Ökonomie und der Herrschaft ist das Projekt radikaler Aufklärung, die als zur materiellen Gewalt werdende die bestehende Gesellschaft umzuwälzen vermag. In Zeiten, in denen die gesellschaftlichen Verkehrsverhältnisse alle repressiven Zwangskollektivitäten sprengen und die Produktivkräfte die Lohnarbeit als letzte historische Form der Zwangsarbeit obsolet gemacht haben, ist der einzig haltbare Anspruch der Vernunft der, welcher auf die Aufhebung des bestehenden Zustandes geht. Das Ferment dieser Vernunft sind die radikalen Begierden, denen der materielle Reichtum und dessen reale objektive Möglichkeiten zu Grunde liegt. Diese auf Verwirklichung drängenden Begierden stehen im Konflikt mit dem gesellschaftlichen Zwang sich zum proletarisierten Arbeitskraftbehälter zuzurichten und drängen zumeist als noch nicht bewusste impulsiv-gewalttätig an die gesellschaftliche Oberfläche. Gegen linke Romantisierungen dieses Unbehagens wäre auf dessen Ambivalenz mit Möglichkeit auf Barbarisierung hinzuweisen. Unnötig wird das aber angesichts des Desinteresses der deutschen Linken gegenüber den Klassenkämpfen vor allem in Frankreich oder Griechenland (zu Letzterem wurde es einzig fertig gebracht in typisch bewegungslinker Manier Antirepressionsdemos zu organisieren, ohne auch nur einen Gedanken an die soziale Konfliktualität zu verschwenden). Dieses Desinteresse wird angesichts des Mitmachens am Volksprotest, der wirklich in keiner Hinsicht sich der staatlichen Loyalität verweigert, zur unübersehbaren Perfidie und dem unrettbaren Aufgehen im teutonischen Wald.

Wir fordern deshalb alle Individuen, die es mit dem Anspruch auf kommunistische Emanzipation ernst meinen, dazu auf sich diesem Spektakel nicht nur zu verweigern, sondern es als reaktionären Teil der herrschaftlichen Entmündigung mittels intellektueller Selbstbewaffnung zu bekämpfen!

Advertisements